Immer mit der Ruhe: Lärm in der Schule vermeiden
Lärm belastet Lehrkräfte und Schülerschaft gleichermaßen. In der Grundschule auf dem Süsteresch helfen Partizipation und individuelles Lernen dabei, Unruhe zu reduzieren.
Autor/in: Isabel Ehrlich (Redaktion Raufeld)
Datum: 09.02.2026
- Selbstlernzeit kann Lärmprävention unterstützen
- Partizipation erhöht die Konzentration und beugt Unruhe vor
- Lehrkräfte haben Vorbildfunktion, auch beim Thema Lautstärke
Draußen prasselt der Regen an die Fenster, im Hintergrund läuft leise klassische Musik. Ansonsten ist es auffallend ruhig im Klassenzimmer der -„Tiger“. Und das, obwohl hier gerade eine dritte Klasse den ersten Lernblock des Tages hat. Die meisten Kinder arbeiten mit gesenkten Köpfen konzentriert an ihren Arbeitsblättern. Klassenlehrer Yannick -Ohmann und zwei Unterrichtsbegleiterinnen unterstützen hier und da bei den Aufgaben – im Flüsterton, wohlgemerkt. Die Tatsache, dass manche Kinder zwischendurch an Lerninseln im Flur arbeiten, stört die konzentrierte Atmosphäre ebenso wenig wie die vereinzelten Gespräche. Austausch ist erlaubt und auch erwünscht, aber eben leise.
Klare Lernvorgaben treffen auf individuelle Angebote
Ein ganz normaler Morgen in der Grundschule auf dem Süsteresch, bestätigt Klassenlehrer Ohmann: „Der Tag beginnt bei uns immer mit einer Selbstlernzeit, in der die Kinder selbst verantwortlich sind für ihr Lernen und Tun.“ Vorgegeben ist nur, dass sich die Kinder in dieser Zeit mit den „Basics“, also mit Mathe oder Deutsch beschäftigen sollen. Dafür stehen den Kindern differenzierte Lernmaterialien zur Verfügung. Auch Projektarbeit in Gruppen ist möglich. „So kann jedes Kind in seinem eigenen Tempo arbeiten. Manche Kinder brauchen dabei mehr Unterstützung als andere, und das ist auch völlig in Ordnung.“

Selbstwirksamkeit als Konzept gegen Lärm – hier scheint es zu funktionieren. Ohmann ist überzeugt: „Wenn Kinder über- oder unterfordert sind oder zu lange aufmerksam zuhören müssen, neigt die Klasse eher zu Lärm.“ Und die Musik? Das habe er einfach mal ausprobiert, erzählt Ohmann, und sie sei ein echter „Gamechanger“ für konzentriertes, entspanntes Arbeiten.
Unruhe und Lärm sind hier kein Dauerzustand
Natürlich wird in der Grundschule im niedersächsischen Schüttorf nicht den ganzen Tag geflüstert. Immerhin lernen hier rund 300 Schülerinnen und Schüler der Klassen 1 bis 4, die auch mal laut lachen, rufen oder Quatsch machen. Dazu kommen 23 Lehrkräfte sowie etwa noch mal so viele soziale und pädagogische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, erzählt Schulleiterin Heike Draber. Aber während die Pädagogin durch die vielen Unterrichts- und Projekträume der 1971 gegründeten Schule führt, wird schnell deutlich: Lärm und Unruhe sind hier niemals ein Dauerzustand. Das wird Draber auch vom Kollegium gespiegelt: „Wenn ich mit den Lehrkräften über ihre Herausforderungen spreche, ist Lärm nie ein Thema.“
„Ein starkes Partizipations- und Demokratiekonzept sorgt für große Zufriedenheit. Die Kinder haben weniger Grund, unkonzentriert zu sein und sich nicht mit dem Lernen zu beschäftigten“
Das Konzept des selbstbestimmten und individuellen Lernens hat die Schulleiterin schon vor Jahren mit angestoßen, damals noch als Co-Rektorin. Lärmprävention stand dabei gar nicht im Fokus, sagt Heike Draber. Vielmehr habe sie festgestellt, dass das klassische Modell des Frontalunterrichts für eine so diverse Schülerschaft mit unterschiedlichen Bedürfnissen nicht mehr funktioniert.
Ruhigere Klassen waren ein positiver Nebeneffekt: „Ein starkes Partizipations- und Demokratiekonzept sorgt für große Zufriedenheit. Die Kinder haben weniger Grund, unkonzentriert zu sein und sich nicht mit dem Lernen zu beschäftigten“, sagt Draber. Das Konzept hat auch an anderer Stelle überzeugt: Im Jahr 2016 wurde die Grundschule auf dem Süsteresch mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet.
Lärm an Schulen birgt gesundheitliche Risiken
Wie zentral Lärmprävention an Schulen ist, das weiß jede Lehrkraft, die regelmäßig in zu lauten Klassenzimmern arbeitet: Die Akkus sind schneller leer, die Konzentration lässt nach, dafür nimmt die Reizbarkeit zu. Und das sind nur die akuten Folgen. Lärm erzeugt Stress, und wird er zum Dauerproblem, kann auch die psychische und körperliche Gesundheit Schaden nehmen. Umso wichtiger ist das Wissen um diese Risiken und darüber, was Lärm eigentlich ist. (Mehr dazu im Interview mit Dr. Florian Schelle).
Der Schalldruckpegel liegt im Unterricht im Mittel bei 60 bis 70 dB(A) – das entspricht einem normalen bis lauten Gespräch. Grundschulen erreichen Werte bis zu 75 dB(A). Gehörschädigend ist ein Tages-Lärmexpositionspegel ab 85 dB(A)*. Auch unabhängig vom Pegel erhöhen konstanter Lärm und schlechte Raumakustik die Belastung. Das kann negative gesundheitliche Folgen haben und zudem den Lernerfolg sowie den Spracherwerb beeinträchtigen.
Dennoch ist erhöhte Lärmbelastung an vielen Schulen Alltag. Darauf deuten zumindest verschiedene Umfragen hin, in denen Lehrkräfte das Thema Lärm als einen Hauptbelastungsfaktor identifizieren. 45,1 Prozent sind es etwa bei einer Online-Umfrage der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Berlin*. In der Erhebung aus dem Jahr 2021 wurden alle angestellten Lehrkräfte der
GEW Berlin an allgemein- und berufsbildenden Schulen befragt (der Rücklauf lag bei
22 Prozent). In einer Umfrage des Bildungsministeriums Schleswig-Holstein zur Lehrkräftegesundheit* aus dem Jahr 2018 gaben sogar 90 Prozent der Befragten Lärm und Geräusche als belastende Umgebungsbedingungen an – 9.106 Lehrkräfte nahmen teil.
Bauliche und pädagogische Maßnahmen müssen sich ergänzen
Verantwortlich dafür, die Schulgemeinschaft vor erhöhter Lärmbelastung zu schützen, ist die Schulleitung. Sie muss im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung alle Risiken ermitteln und wirksame Maßnahmen nach dem „TOP-Prinzip“ ableiten. Technische und bauliche Maßnahmen stehen in der Hierarchie vor den organisatorischen und pädagogischen Maßnahmen – dazu gehören etwa Akustikdecken, die in jedem Raum verbaut sein müssen und den Nachhall reduzieren.
Die charakteristischen Platten zieren auch die Decken in der Grundschule auf dem Süsteresch. Zusätzlich gibt es in manchen Lernräumen auch Teppiche. In Klassen, in denen Kinder mit einer Hörbeeinträchtigung lernen, sind teilweise auch Schallabsorber an den Wänden verbaut. „Zusätzlich testen wir gerade eine Sound-Anlage, die unsere Schülerinnen und Schüler mit ihren Hörgeräten koppeln können“, sagt Heike Draber.
Gewusst wie: Maßnahmen zum Lärmschutz nach TOP-Prinzip
Technisch z.B.:
- schallabsorbierendes Material an Decken (Akustikdecken) und ggf. an Wänden in allen Lernräumen und im Lehrerzimmer
- Trittschallschutz
Organisatorisch/ pädagogisch z.B.:
- Regeln für leises Lernen/ Leisezeiten werden eingeführt und kommuniziert
- Schülerinnen und Schüler partizipieren am Unterricht und haben ggf. Mitbestimmungsrecht, wie und wo sie lernen wollen
- kleine Lerngruppen sowie Kommunikationsnähe
- die gesamte Schulgemeinschaft ist für das Thema Lärm sensibilisiert, ggf. durch Projekte
- an lauten Straßen: statt permanent die Fenster zu kippen, besser regelmäßig stoßlüften
- Mitmachaktionen, z. B. rhythmisches Klatschen bei aufkommender Unruhe
Personenbezogen z. B.:
- Gehörschutz
Wichtig: Nur dann einsetzen, wenn technische und organisatorische Maßnahmen ausgeschöpft sind und besondere pädagogische Gründe vorliegen
Zum Weiterlesen: Rechtliche Vorgaben und technisches Regelwerk zu Arbeitsplatzlärm
Gute Raumakustik ist zentral für den Lernerfolg
Auch im sogenannten „Räumchen“, einem kleinen Zimmer neben der Tigerklasse, können sich Lehrkraft und Kinder hörbar gut verständigen. Hier sitzt an diesem Morgen Lehrerin Ute Linow mit zwei Kindern, die Unterstützung beim Lesen brauchen. Gerade spielen sie ein Lernspiel, das bewusstes Hören fokussiert. Die Kinder lernen, einzelne Laute genau wahrzunehmen und zu einem Wort zusammenzusetzen. Für die Kinder, aber auch für Linow ist die Zeit hier im „Räumchen“ ideal: „Ich selbst trage Hörgeräte und Störschall ist für mich ein ganz großes Problem“, sagt die Lehrerin.

Die Lernsituation im „Räumchen“ zeigt, wie bauliche und pädagogische Maßnahmen bestenfalls verschmelzen. „Das ist hier ein ganz anderes Gefühl, als wenn ich in einer Klasse mit 25 Kindern bin, von denen sich vielleicht nur ein Drittel von dem Lernstoff angesprochen fühlt“, sagt Linow. Alle Lehrkräfte, betont sie, legen hier viel Wert auf hörsensiblen Unterricht. „Nur wer gut hört und versteht, kann auch aktiv teilnehmen und lernen.“
Gewaltfreie Kommunikation unterstützt die Lärmprävention
Wichtig ist auch der regelmäßige Austausch. Alle vier Wochen kommt das ganze Team zusammen, Probleme werden offen besprochen und Ideen diskutiert. „Das Kollegium muss unser Konzept mittragen, damit es funktioniert“, sagt Draber. Im Umgang mit den Kindern seien sich alle ihrer Vorbildfunktion bewusst – auch beim Thema Lautstärke: „Dass eine Lehrkraft gegenüber den Schülerinnen und Schülern laut wird, habe ich bisher noch nicht erlebt. Wir müssen gewaltfreie, wertschätzende Kommunikation ja auch vorleben.“ Auch die Kinder werden für Risiken durch Lärm sensibilisiert, etwa durch Projektarbeit.
Offene, individuelle und inklusive Lernangebote funktionieren natürlich nur, wenn ausreichend Lehrkräfte und zusätzliche pädagogische Fachkräfte zur Verfügung stehen. Und auch in der Grundschule auf dem Süsteresch gibt es weiterhin frontale Unterrichtsphasen, etwa in den Fächern Englisch und Religion. Aber dann gilt: Es gibt viel Interaktion und keine überlangen Phasen, in denen nur die Lehrkraft sprechen darf.

Außerdem hat Bewegung Vorrang vor Stillsitzen. Immer wieder laufen Kinder vorbei, die für eine Projektarbeit in einen Raum abseits ihres Klassenzimmers gehen, etwa in die Bibliothek, den Forscherraum oder die schuleigene Radiostation. Mittags darf eine Gruppe in der Küche beim Obstschnippeln helfen, andere nehmen eine Lernauszeit im Malatelier. „Die Kinder dürfen hier alleine und ohne Vorgaben malen – vorausgesetzt, sie halten sich an die Regeln und hinterlassen kein Chaos“, sagt Draber.
Wird es in einer Situation doch mal zu laut, stimmt die jeweilige Lehrkraft ein rhythmisches Klatschen an, in das die Kinder einstimmen. Sofort nimmt das Stimmengewirr ab. Auch dieses Ritual prägt den Schulalltag.
Auch Bewegung und Ausgleich senkt den Lärmpegel
Nach der Frühstückpause darf es dann tatsächlich ein bisschen lauter werden: Dann steht das tägliche gemeinsame Tanzen an – im „Lichtblick“, dem großen Multifunktionsraum mit den hohen Decken. Alle machen mit, die Kinder, das Kollegium, auch Schulleiterin Heike Draber. Bewegung vor dem zweiten Lernblock, das tue allen gut, sagt Draber. Schließlich haben vor allem jene Kinder, die hier im Ganztag beschult werden, einen langen Tag. Und Spaß macht die Choreografie offensichtlich auch. Danach kann wieder konzentriert weitergearbeitet werden – damit der Tag für alle auch möglichst lärm- und stressarm endet.
Zum Weiterlesen:
Wie wird gute Akustik im Schulneubau mitgedacht? Lärmexpertin Birte Weber erläutert das Projekt der „Hamburger Klassenhäuser“.