Wie beim Hamburger Klassenhaus Lärmprävention mitgedacht wird
Wird ein neues Schulgebäude geplant, darf ein Konzept gegen Lärm nicht fehlen. Beim modularen Hamburger Klassenhaus setzen die Verantwortlichen auf eine individualisierbare Fertigbaumethode, die nicht nur raumakustisch optimiert ist, sondern auch finanzielle Vorteile bietet.
Autor/in: Isabel Ehrlich (Redaktion Raufeld)
Datum: 06.02.2026
Das optimale Schulgebäude gestalten – auch im Sinne der Gesundheit der Menschen, die dort lernen und arbeiten? Dieses Ziel sollte insbesondere im Schulneubau eine Selbstverständlichkeit sein, findet Birte Weber aus der Abteilung Prävention der Unfallkasse Nord (UK Nord). Ein durchdachtes Konzept zur Lärmprävention ist dafür unerlässlich.
Entsprechend zufrieden ist die Expertin für Messtechnik mit einem in vielerlei Hinsicht vorbildlichen Projekt aus Hamburg: Dem Konzept des Hamburger Klassenhauses.
Was ist das Hamburger Klassenhaus?
Geboren wurde die Idee 2019 im Zuge des Schulentwicklungsplanes der Hansestadt, der den Neubau von 44 Schulen und die Erweiterung von 120 Standorten vorsieht. Hierfür brauchte es ein Konzept für bezahlbare und zeitgemäße Neubauten. SBH | Schulbau Hamburg und GMH | Gebäudemanagement Hamburg entwickelten daraufhin ein System, das eine feste bauliche Grundstruktur mit einem modularen Bausystem kombiniert.
Das bedeutet konkret: Ähnlich der Fertigbauweise bei Wohnhäusern können individuelle Bedürfnisse in jedem Hamburger Klassenhaus berücksichtigt werden, etwa bei den Raumgrößen. Mit derart flexibler Raumgestaltung können auch moderne Unterrichtsformen besser realisiert werden: „Früher hatte man die Lehrkraft vorne stehen und die Kinder saßen brav in den Reihen“, sagt Weber. „Heute arbeiten Schülerinnen und Schüler auch mal in kleinen Gruppen zusammen, diskutieren oder nutzen Räumlichkeiten abseits der Klassenzimmer.“
Wie viele Hamburger Klassenhäuser gibt es bereits? Seit 2020 haben 42 Hamburger Klassenhäuser den Betrieb aufgenommen, zwei Klassenhäuser sind derzeit im Bau und weitere drei in der Planung.
Wie wurde das Thema Lärm an Schulen mitgedacht?
Birte Weber und weitere Fachleute der UK Nord waren in den Planungsprozess des Hamburger Klassenhauses involviert, um für sichere und gesunde Grundbedingungen zu sorgen. Dabei war das Thema Lärmprävention jederzeit präsent: „In den ersten Hamburger Klassenhäusern wurden raumakustische Messungen durchgeführt. Für eine Einhaltung der DIN 18041 wurde die Ausstattung mit Akustikmaterialien abschließend optimiert“, sagt Weber.
Auch Hilke Schmidt von SBH, die während der Projektentwicklung mit Birte Weber im Austausch stand, erinnert sich an den Prozess: Verschiedene raumakustische Materialien seien geprüft, manche wieder verworfen worden – bis am Ende eine Grundausstattung festgelegt wurde, die sich seitdem in jedem neugebauten Klassenhaus findet.
„Im Kern gehört zu dieser Grundausstattung eine Akustikdecke aus Holzwolle mit zusätzlicher Dämmauflage darüber, und zwar in jedem Raum“, sagt Hilke Schmidt. „In Räumen, in denen Kinder mit Hörbeeinträchtigungen unterrichtet werden, werden je nach Bedarf zusätzliche Akustikmaterialien an den Wänden verbaut.“ Am Ende, so Schmidt, wurden die rechtlichen Anforderungen sogar übertroffen. „Man merkt es einfach, wenn man in den Räumen steht, die Akustik ist optimal.“
Lärmprävention wird im Schulneubau oft vernachlässigt
Aber so durchdacht ist nicht jedes Bauprojekt: „Leider erlebe ich immer wieder, dass beim Neubau das Optische in den Vordergrund gerückt wird, auch bei Schulgebäuden“, sagt Birte Weber. Die Expertin hat in Hamburg und Schleswig-Holstein schon zahlreiche Raumakustik- und Lärmmessungen an Schulen durchgeführt und weiß, dass Lärmprävention auch im Neubau oft vernachlässigt wird. Sprich: Die gesetzlichen Normen werden nicht eingehalten. Zu diesen zählt insbesondere die DIN 18041 „Hörsamkeit in Räumen – Anforderungen, Empfehlungen und Hinweise für die Planung“, die verbindliche Vorgaben zur raumakustischen Gestaltung an die Hand gibt.
„Man muss klar sagen: Wenn diese Norm an Schulen nicht erfüllt wird, weil etwa keine oder ungeeignete Akustikmaterialien verbaut wurden, ist ein Raum für den Unterricht nicht geeignet“, betont Birte Weber. „Eine schlechte Raumakustik mit viel Nachhall erhöht nicht nur das Stresserleben von Lehrkräften, sie gefährdet auch den Lernerfolg der Schülerinnen und Schüler.“
Hamburger Klassenhaus: in mehrfacher Hinsicht effizient
Die modulare Bauweise des Hamburger Klassenhauses mit seinem festen Grundgerüst bietet laut Präventionsexpertin Birte Weber nicht nur finanzielle Vorteile: „Wir mussten die Messungen zur Raumakustik nur in den ersten Hamburger Klassenhäusern durchführen und können davon ausgehen, dass auch in jedem weiteren Hamburger Klassenhaus diese guten Werte erreicht werden.“ Auch Lärm von außen wird mit entsprechenden Maßnahmen vermieden, etwa durch den Einsatz von Schallschutzfenstern.
Birte Weber würde es begrüßen, wenn Konzepte wie dieses bundesweit neue Impulse für den Schulneubau setzen. Bestenfalls sind negative Folgen von Lärm an Schulen dann irgendwann nicht mehr die Norm, sondern die Ausnahme.
Zum Weiterlesen:
Welche weiteren Risiken hat Lärm für die Schulgemeinschaft und wie können Lehrkräfte und die Schülerinnen und Schüler geschützt werden? Das erklärt Dr. Florian Schelle vom Institut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IFA) im Interview.