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Prävention

„Wer den ganzen Tag in einem lauten Raum arbeitet, hat Stress“

Um Risiken durch Lärm an Schulen zu vermeiden, ist eine gute Raumakustik zentral, sagt Dr. Florian Schelle – und ordnet ein, warum Lärmschutz an der Schule auch für den Lernerfolg wichtig ist.

Autor/in: Isabel Ehrlich (Redaktion Raufeld)

Datum: 09.02.2026

„Wer den ganzen Tag in einem lauten Raum arbeitet, hat Stress“
Eine gute Raumakustik ist zentral, damit Kinder im Unterricht gut mitkommen. © Getty Images/ skynesher
Das Wichtigste in Kürze
  • Lärm ist immer ein Risiko für sichere und gesunde Arbeits- und Lernbedingungen, auch an Schulen
  • Nicht nur Körper und Psyche leiden unter zu hoher Lautstärke und schlechter Raumakustik, auch der Lernerfolg wird beeinträchtigt
  • Mithilfe der Gefährdungsbeurteilung sollten Risiken durch Lärm erkannt und passende Schutzmaßnahmen abgeleitet werden

Herr Dr. Schelle, jeder Mensch hat eine Vorstellung von Lärm, aber das Empfinden ist sehr individuell. Wie lässt sich Lärm wissenschaftlich definieren?
Lärm ist eine bestimmte Art von luftgeleitetem Schall. Gemeint ist die Art von Schall, die entweder stört, gesundheitsschädlich ist oder eine Unfallgefahr darstellt.

Ist Lärm somit immer ein Problem im Hinblick auf sichere und gesunde Arbeit?
Ja, aber ein vielschichtiges Problem, denn die Auswirkungen hängen von der Art der Arbeit und der Art des Lärms ab. Als „aurale Wirkung“ von Lärm wird eine Schädigung des Innenohrs bezeichnet. Zunächst ist das Ganze ein temporärer Effekt. Man kennt das, wenn man etwa in einem lauten Klub war, dann hört man erst mal schlechter. Gibt man dem Ohr 16 Stunden Ruhezeit, verschwindet dieser Effekt normalerweise wieder.

Kommt die Lärmbelastung aber regelmäßig vor und fehlen diese Ruhezeiten, dann sterben die feinen Haarzellen im Ohr ab und es entsteht eine Lärmschwerhörigkeit. Die ist nicht heilbar und gehört mit etwa 8.000 Fällen pro Jahr in Deutschland zu den häufigsten anerkannten Berufskrankheiten. Der Grenzwert liegt bei 85 Dezibel über acht Stunden. Solche Tageslärmexpositionen gibt es in Schulen aber eher selten. Relevanter sind hier die extra-auralen Lärmwirkungen.

Was zeichnet diese aus?
Als „extra-aural“ werden alle Wirkungen von Lärm bezeichnet, die nicht das Innenohr betreffen – zum Beispiel Stress. Wer den ganzen Tag in einem lauten Raum arbeitet, hat Stress. Und der kann ebenfalls negative gesundheitliche Folgen haben. Chronischer Stress erhöht beispielsweise das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie psychischen Erkrankungen und kann zu Schlafstörungen führen. Bei extra-auralen Lärmwirkungen ist der tatsächliche Pegel oft nicht entscheidend. Wenn ich im Bett liege und das Summen einer Mücke höre, ist das auch nicht laut, aber es stresst mich.

Freigestelltes Porträt vor hellblauem Hintergrund von Dr. Florian Schelle in Schwarz-Weiß-Optik. Er hat kurze Haare und lächelt.
Dr. Florian Schelle
Referatsleiter Lärm und Akustik am Institut für Arbeitsschutz der DGUV (IFA) © privat

Lärmschutz ist zentral für gesunden Unterricht

Welche Risiken leiten sich daraus für gesunden Unterricht ab?
Die Sprachverständlichkeit wird durch Lärm und schlechte Raumakustik beeinträchtigt. Die Schülerinnen und Schüler verstehen schlechter, was die Lehrkraft sagt. Das ist besonders an Grundschulen problematisch, denn der Spracherwerb der Kinder ist in diesem Alter noch nicht abgeschlossen. Kinder mit Hörschädigungen sind besonders benachteiligt und Inklusion gelingt weniger gut.

Eine Lehrerin aus Norddeutschland beobachtete, dass die Ergebnisse eines Diktates von jenen Kindern deutlich besser waren, die in den vorderen Reihen saßen. Als diese Kinder auf die hinteren Sitzplätze wechselten, wurden ihre Ergebnisse schlechter. Der Hintergrund ist wissenschaftlich belegt: Der Nachhall in vielen Klassenräumen ist zu stark, das eigentliche Sprachsignal wird dadurch verschmiert und undeutlicher. Das wiederum führt dazu, dass die Menschen lauter sprechen.

Definition von Raumakustik und Schallschutz in der Schule

Können Sie den Begriff Raumakustik genauer definieren – auch in Abgrenzung zu Schallschutz?
Geht es um die Akustik innerhalb eines Raumes, sprechen wir von Raumakustik. Das ist eine Eigenschaft des Raums, die definiert, wie ein Raum klingt. Hier gibt es konkrete Anforderungen, die insbesondere den Nachhall betreffen, sprich, wie viel Schall nachklingen darf. Ist es zu viel, also wird der Raum sehr hallig, dann ist die Raumakustik ungünstig. Dann müssen diese Räume mit verschiedenen Maßnahmen bedämpft werden. Das hat mit Schutz vor einem zu hohen Schalldruckpegel erstmal nur indirekt zu tun. Ein hoher Schalldruckpegel entsteht erst, wenn in einem Raum Lärmquellen dazukommen. Etwa, wenn mehrere Personen sprechen oder ich bei geöffnetem Fenster zur Straße hin eine Klassenarbeit schreiben lasse.

„Ein Warnzeichen sind Lehrkräfte, die abends völlig erschöpft sind und sich auch am Morgen nicht ausreichend regeneriert fühlen.“

Dr. Florian Schelle, IFA

Gibt es typische Symptome, die auf ein Lärmproblem hindeuten?
Was meistens sofort bemerkt wird, ist, dass es im Unterricht sehr laut ist. Hier liegt die Ursache meist in einer ungünstigen Raumakustik. Ein typisches Warnzeichen sind auch Lehrkräfte, die abends völlig erschöpft sind und sich auch am nächsten Morgen nicht ausreichend regeneriert fühlen. Wären die Lehrkräfte weniger gestresst, bräuchten sie nicht so viel Zeit, um sich zu erholen. Und Stress ist eine typische Folge von Lärmbelastung.

Risiken durch Lärm mithilfe der Gefährdungsbeurteilung ermitteln

Von solchen Warnzeichen sollte auch die Schulleitung erfahren. Passiert das in der Regel im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung?
Grundsätzlich ist es wichtig, dass ich darauf höre, was die Beschäftigten berichten. Wenn Verantwortliche wie die Schulleitung das im Alltag nicht ohnehin erfragen, dann sollte es im Rahmen der „Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen“ erfragt werden. Hier wird es immer unterschiedliche Ergebnisse geben – aber als Belastung werden alle Lehrkräfte das Thema Lärm iden-tifizieren. Zusätzlich sollte im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung der Schalldruckpegel gemessen werden. Auch müssen alle Arbeitsmittel dem Stand der Technik entsprechen. Die Arbeitsstättenregel ASR A3.7 „Lärm“ definiert die Mindestanforderungen an Nachhallzeiten in Bildungsstätten. Vorgaben zur inklusiven Gestaltung von Bildungsstätten liefert die „DIN 18041“.

Wie können Schulleitungen konkret vorgehen, wenn Lärmrisiken identifiziert wurden?
Sie sollten sich an den Träger der Einrichtung wenden und Gelder für notwendige Sanierungsmaßnahmen beantragen. Da scheitert es oft, denn Schulen benötigen für so viele Projekte Geld, dass sie sich beim Thema Akustik gar nicht mehr trauen, nachzufragen. Dabei stünde ihnen das Geld für notwendige Schutzmaßnahmen zu!

Gibt es bauliche Lösungen, die immer sinnvoll sind?
Es gibt nicht die eine Standardlösung für Schulen. Aber es gibt Prinzipien, die immer gelten. Jeder Klassenraum benötigt eine Akustikdecke. Es reicht nicht, hier und da ein Stückchen Absorber an die Decke zu kleben, ein Bild aufzuhängen oder einen Akustikwürfel zu platzieren. Diese Akustikdecke darf übrigens nicht mit Farbe überpinselt werden, das erlebe ich immer wieder. Dann verschließen sich
die kleinen Poren, durch die der Schall ins Material eindringen kann, und man kann sie nur noch entsorgen.

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