Die aktuelle Ausgabe mit dem Schwerpunkt Resilienz ist da!
Jetzt PDF herunterladen
Suche
Beliebte thematische Schlagworte:
icon-fuehrung Führung

Bei sich selbst bleiben: Resilienz für Lehrkräfte

Der Lehrberuf fordert viel von denen, die ihn ausüben. Die Humboldt-Schule in Kiel fördert deshalb das Wohlbefinden ihrer Lehrkräfte – mit passgenauem Onboarding, Umfragen und Entspannungsübungen.

Autor/in: Julia Frese (Raufeld Medien)

Datum: 04.05.2026

Bei sich selbst bleiben: Resilienz für Lehrkräfte
Ileana Annett Sauer ist seit 30 Jahren Lehrerin. ©Kaja Grope
Das Wichtigste in Kürze
  • Soziales Miteinander ist zentral für ein resilientes Kollegium
  • Lehrkräfte sollten sich als selbstwirksam erleben
  • Resilienz schon beim Onboarding mitdenken

Ileana Annett Sauer beginnt die erste Stunde mit einer Entspannungsübung. Die rund 20 Jugendlichen, die vor ihr stehen, kennen das schon. Bewusst ein- und ausatmen, Schultern kreisen lassen, die eigenen Füße auf dem Untergrund spüren. Ein paar der 14- bis 15-Jährigen müssen kurz kichern, werden aber schnell wieder ruhig. Am Ende der Übung fallen alle in den Sprechchor ein: „Ich bin jetzt fit, ich mach gut mit.“

Wenn sie den Schultag auf diese Weise beginnt, fühle auch sie selbst sich ruhiger und souveräner, sagt die 61-jährige Musiklehrerin, die seit 30 Jahren am Kieler Gymnasium Humboldt-Schule unterrichtet. „Der Beruf als Lehrkraft verlangt einem viel ab, aber ich kann ehrlich sagen, dass ich ihn auch nach all den Jahren noch sehr gern ausübe“, sagt sie. „Und das liegt auch daran, dass diese Schule so toll mit ihren Beschäftigten umgeht.“

Lehren und Lernen, was man fürs mentale Wohlbefinden tun kann

An der Humboldt-Schule sollen Lehrkräfte den Schülerinnen und Schülern nicht nur den Unterrichtsstoff vermitteln, den die Lehrpläne vorgeben. Es soll beiden Seiten auch möglichst gut gehen – körperlich wie psychisch. Dafür gibt es für Schülerinnen und Schüler Lerneinheiten zu gesundem Verhalten, etwa in den Bereichen Ernährung, Sport oder Entspannung. Und von­seiten der Schulleitung sowie aus der ­Lehrerschaft wird darauf hingewirkt, den Arbeits­­­­all­­­tag und das soziale Miteinander im Kollegium möglichst stressfrei zu gestalten.

Lehrerin macht Enstpannungsübung im Stehen mit zwei Schülerinnen
Die Übungen sorgen für bessere Konzentration. ©Kaja Grope

Dass das längst nicht an allen Schulen gelingt, zeigen Statistiken. Denen zufolge sind ein Viertel bis ein Drittel aller Lehrkräfte in Deutschland burn-out-gefährdet, 36 Prozent fühlen sich mehrmals pro
Woche emotional erschöpft*. Kaum ein Beruf fordert schließlich so viel soziale und emotionale Präsenz an so vielen unterschiedlichen Stellen – vor den Schülerinnen und Schülern und im Kontakt mit Eltern
und Kollegium. Hinzu kommen Zeit- und Arbeitsdruck durch Vorbereitung und Korrekturen außerhalb der Unterrichtszeiten.

Gelungenes Onboarding hilft, im Gespräch zu bleiben

Timo Off, Schulleiter der Humboldt-Schule, kennt die Statistiken. Und er tut viel dafür, dass die Lehrkräfte an seiner Schule die Freude an ihrem Beruf behalten. Dazu gehören auch rein organisatorische Abläufe: Arbeitsmaterialien sind dank eines zentralen digitalen Tools für alle Lehrkräfte jederzeit leicht zugänglich. Meetings werden so geplant, dass alle Teilnehmenden sie gut mit ihrem Privatleben vereinbaren können. Und sie werden so vorbereitet, dass sie pünktlich enden. Wer ein Anliegen hat, braucht keine Scheu davor zu haben, sich an die Schulleitung zu wenden – im Gegenteil. Timo Off freut sich über jede Idee dazu, wie der ­Schulalltag noch besser gestaltet werden kann.

Thorsten Vent von der Unfallkasse Nord

An dieser Schule wird sehr auf den einzelnen Menschen geschaut – darauf, was er oder sie an Ressourcen mitbringt und wo die Person damit gut aufgehoben sein könnte.

Thorsten Vent
Aufsichtsperson der Unfallkasse Nord

Doch der Fokus auf das Wohlbefinden der Mitarbeitenden beginnt schon viel früher: beim Onboarding neuer Lehrkräfte an der Schule. „Wir haben dafür mehrere Gesprächsformate entwickelt, in denen wir herausfinden, wie die Person tickt und was sie braucht, um gut arbeiten zu können“, sagt Off. Damit will er den Grundstein dafür legen, dass neue Lehrkräfte auch künftig das Gefühl haben, mit ihren Anliegen gehört zu werden.

Unfallkasse gibt Tipps zur Stärkung der Resilienz

„Das, was diese Schule schafft, ist schon besonders“, sagt Thorsten Vent, Aufsichtsperson für Schulen von der Unfallkasse Nord. „Hier wird sehr auf den einzelnen Menschen geschaut – darauf, was er oder sie an Ressourcen mitbringt und wo die Person damit gut aufgehoben sein könnte.“ Die Resilienz der Beschäftigten auf diese Weise zu stärken, schafften leider noch immer viel zu wenige Schulen. Dafür brauche es das gemeinsame Bemühen von Schulleitung und Kollegium und eine stetige Gesprächsoffenheit und Flexibilität, so Vent. Um an Schulen die Sicherheit, die Gesundheit und das Wohlbefinden zu fördern und somit die Resilienz zu erhöhen, kann auch die zuständige Unfallkasse beratend zur Seite stehen.

Ziel sei es, die Kolleginnen und Kollegen so zu stärken, dass sie sich langfristig als selbstwirksam erleben, so Schulleiter Off. Ileana Annett Sauer kam etwa mit der Idee auf ihn zu, eine Partnerschaft mit einer Schule in Tansania aufzubauen. Gemeinsam suchten sie nach Ansätzen, wie das Vorhaben umzusetzen wäre. „Ich bin voller Tatkraft aus dem Gespräch wieder rausgegangen“, sagt die Lehrerin. „Im Lehrberuf gibt es viele Vorgaben, an die man sich halten muss, aber eben auch viele Gestaltungsmöglichkeiten“, so Off. Sein Ziel sei es, gemeinsam mit den Beschäftigten solche Freiräume für kreative Lösungen zu finden.

Impulse für mehr Resilienz in der Schule

Impulse für mehr Resilienz in der Schule

Lehrkräfte
mentale Gesundheit

Kreative Lösungen für mehr Resilienz

Manchmal gibt es dabei Hürden, die nicht zu überwinden sind – etwa, wenn es um das 1877 erbaute, denkmalgeschützte Schulgebäude geht. Das rote und gelbe Backsteingemäuer, die klassizistisch anmutenden Säulen an den Treppenaufgängen und die schnörkelig verzierten Metallgeländer sind zwar hübsch anzusehen. Sie bedeuten aber auch, dass räumliche Veränderungen, die das Wohlbefinden steigern könnten, nicht so einfach umzusetzen sind. Die Schule bewies, dass flexible Lösungen auch in solchen Fällen möglich sind.

Zimmerecke mit Sessel, Fenster mit bunten Batseleien und Pflanze
Ein ehemaliger Serverraum wurde zu einem Ruheraum umfunktioniert. ©Kaja Grope

Im Stockwerk über dem Lehrerzimmer hat das Kollegium einen ehemaligen Serverraum zu einem einladenden Ruheraum umfunktioniert. Sitzsäcke und Gardinen in warmen Farben verwandeln das kleine Zimmer in einen Wohlfühl- und Rückzugsort. Vorher hatte es zwar bereits einen Ruheraum gegeben, der lag aber im Mensagebäude der Schule, das für den Unterricht nicht genutzt wird. „Man war dort quasi abgeschnitten von allem“, so Off. „Wir haben gemerkt, dass das so niemand nutzt, und haben nach einer neuen Lösung gesucht.“

Schule ist mehr als nur ein Arbeits- und Lernort

Auch Orientierungsstufenleiterin Lena Lehmann-Willenbrock treibt das Thema Resilienz für Lehrkräfte an der Schule seit Längerem voran. Bei einem Netzwerktreffen der Initiative „Lernen im Ganztag“ besuchte sie im Jahr 2022 einen Vortrag zum Thema „Wellbeing“ (zu Deutsch: Wohlbefinden) der Bildungswissenschaftlerin Prof. Dr. Britta Klopsch. Darin ging es um die kanadische Provinz Alberta. Hier wird das Wohlbefinden von Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern strategisch gesteuert, auch um Bildungserfolge zu erhöhen.

Mann und Frau gucken auf ein Laptop und unterhalten sich.
Schulleiter Timo Off und Lena Lehmann-Willenbrock (v.l.n.r.) ©Kaja Grope

Lehmann-Willenbrock und zwei Kollegen fühlten sich inspiriert, das Thema auch an der Humboldt-Schule noch stärker in den Blick zu nehmen. Gemeinsam erarbeiteten sie einen Fragebogen mit 13 Aussagen, die beispielsweise lauteten: „Ich kann in der Schule meine Interessen und Fähigkeiten einbringen“, „Ich kann mich oft genug im Laufe eines Schultags entspannen bzw. Stress abbauen“ oder „Ich habe das Gefühl, dass ich in der Schulgemeinschaft als Mensch geschätzt werde“. Die Lehrkräfte verteilten Tablets in den Klassen und im Lehrerzimmer. Mehr als die Hälfte aller Befragten beantworteten die Fragen, also rund 350 Personen.

Mehr Zeit für ein gutes Miteinander

Eine der Kernaussagen der Befragung war, dass sich viele Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler mehr gemeinsame soziale Aktivitäten wünschten, insbesondere auch in kleineren Gruppen wie dem Klassenverband. „Das hat uns noch mal gezeigt, dass es vor allem auf ein gutes Miteinander ankommt“, so Lehmann-Willenbrock. „Und dass auch die Lehrkräfte an dieser Schule einfach gern Zeit miteinander verbringen.“

Dafür gibt es nach den Pausen durch die Corona-Lockdowns inzwischen wieder viele Möglichkeiten: eine Fußballmannschaft, einen Chor, eine Theatergruppe, bei der Lehrkräfte wie auch Eltern mitwirken. Solche gemeinsamen Aktivitäten schweißen zusammen, sagt Lehmann-Willenbrock. Und sie sorgen dafür, dass die Schule nicht nur als Arbeits- und Lernort wahrgenommen wird.

Für Ileana Annett Sauer etwa ist die Humboldt-Schule auch ein Ort erfüllender, sozialer Kontakte. Nach der Musikstunde trifft sie auf dem Gang eine Kollegin, die sie seit ein paar Wochen nicht gesehen hat, umarmt sie herzlich, fragt, wie es ihr geht. Nach dem Gespräch geht sie gestärkt in die nächste Unterrichtsstunde.

Zum Weiterlesen:

Hier erfahren Sie, wie sich mit der Schulleitung gesunde, inklusive Schule gestalten lässt.

Dabei können auch die Gelingensbedingungen für die Entwicklung guter gesunder Schulen helfen.

Eine weitere Publikation liefert wertvolle Impulse für die Förderung der Gesundheit von Lehrkräften.

Außerdem finden Sie hier allgemeine Informationen sowie einen Umsetzungsplan für Schulleitungen zum Thema Prävention und Gesundheitsförderung in der Schule.

Beliebte thematische Schlagworte: