„Die Gemeinschaft ist ein starker Resilienzfaktor an Berufsschulen“
Berufsschullehrkräfte arbeiten in einem besonders diversen und dynamischen Umfeld. Wie es trotz dieser Herausforderungen gelingt, resilient zu bleiben, erklären Psychologin Stefanie Hobrack-Zscheich und Aufsichtsperson Christian Witte.
Autor/in: Julia Frese (Raufeld Medien)
Datum: 08.06.2026
- An Berufsschulen müssen Lehrkräfte eine herausfordernde Schnittstellenfunktion mit oft hohem, strukturellem Druck ausfüllen
- Die größte psychische Belastung von Berufsschullehrkräften ist die Heterogenität der Zielgruppe
- Für resiliente Lehrkräfte müssen Schulleitungen an Berufsschulen verlässliche Strukturen schaffen und kollegialen Austausch fördern
Frau Hobrack-Zscheich, Herr Witte, welche besonderen Herausforderungen bringt die Tätigkeit als Lehrkraft an einer Berufsschule mit sich?
Hobrack-Zscheich: Die Berufsschule ist ein wahrer Schmelztiegel der Gesellschaft. Wir haben hier Menschen unterschiedlichster Herkünfte und Altersgruppen. Das Spektrum reicht von Personen, die gerade die zehnte Klasse abgeschlossen haben, über Studienabbrecher und Umschülerinnen bis zu Menschen, die schon Kinder haben. Die Rahmenbedingungen sind oft schwierig. Teilweise gibt es sehr große Klassen sowie enormen Druck durch schulische Strukturen, Rahmenlehrpläne und Betriebe.
Witte: Die Berufsschule bringt parallele Ausbildungslogiken mit, vollzeitschulische Ausbildung, Fachabitur, Berufsgrundbildungsjahr und die duale Ausbildung. Das führt dazu, dass Lehrkräfte eine Schnittstellenfunktion zwischen Elternhaus, Azubi, Schule, Schulcurriculum und dem Betrieb einnehmen. Dazu kommen noch Ausschüsse und Kammern, bei denen man mitwirken muss. Ein weiterer Punkt ist der hohe Aktualitätsdruck. Das Wissen der Gesellschaft in verschiedenen Bereichen wächst stetig, und das spiegelt sich in der Arbeitswelt wider. Man muss sich ständig weiterbilden, um auf dem Stand der Technik zu bleiben.
Welche Faktoren belasten Berufsschullehrkräfte psychisch am meisten?
Hobrack-Zscheich: Die größte psychische Belastung ist die Heterogenität der Zielgruppe. Man muss einen Spagat zwischen sehr niedrigen und sehr hohen Leistungsniveaus und Reifegraden meistern. Dass man die Schülerinnen und Schüler nicht jeden Tag sieht, erschwert außerdem den Beziehungsaufbau. Der eigene, oft hohe Anspruch als Lehrkraft und die Schnelllebigkeit der Wirtschaft tun ihr Übriges.
„Schulleitungen können die Resilienz durch verlässliche Strukturen fördern.“
An welchen Stellen ist die Arbeitsbelastung für Lehrkräfte an Berufsschulen besonders hoch?
Witte: Die große Altersspanne birgt Konfliktpotenzial und macht es unglaublich schwierig, das richtige Anforderungsniveau zu finden. Die Lehrkraft muss dem 16-jährigen Teenager in der Identitätsfindungsphase genauso gerecht werden wie der 40-Jährigen, die sich beruflich neu orientiert. Man ist quasi Streitschlichter, Sozialarbeiter und Lernbegleiter in einem. Hinzu kommt: Drei von zehn Auszubildenden in Deutschland brechen ihre Ausbildung vorzeitig ab. An einer Regelschule kann man bei Nichtversetzung im nächsten Jahr wiederkommen und sich plötzlich gut entwickeln. Dieses Erfolgserlebnis ist bei Berufsschullehrkräften seltener.
Hobrack-Zscheich: Der regelmäßige Kontakt ist ein entscheidender Faktor. Man sieht seine Schülerinnen und Schüler nur ein- oder zweimal die Woche, manchmal auch nur alle paar Wochen, falls es Blockunterricht gibt, während Lehrkräfte an allgemeinbildenden Schulen ihre Klassen nahezu täglich haben. Das macht eine kontinuierliche Begleitung deutlich schwieriger.
Was können Schulleitungen tun, um die Belastung für Berufsschullehrkräfte zu verringern und ihre Resilienz zu stärken?
Hobrack-Zscheich: Schulleitungen spielen eine wichtige Rolle, indem sie verlässliche Strukturen schaffen, wie gut durchdachte Stundenpläne oder Ausfall- und Vertretungsregelungen. Auch die Bereitstellung von Weiterbildungen und aktuellem Material ist entscheidend. Eine gute Möglichkeit ist auch Supervision im Kollegium. Ich kenne Schulen, die das eingeführt haben: Lehrerinnen und Lehrer setzen sich ein- bis zweimal die Woche zusammen, um über herausfordernde Situationen zu sprechen, sich gegenseitig Tipps zu geben und voneinander zu lernen.
Witte: Die wichtigste Steuerungsfunktion einer Schulleitung ist Wertschätzung gegenüber den Kolleginnen und Kollegen. Es geht darum, eine Atmosphäre zu schaffen, die ein Miteinander ermöglicht und kollegialen Austausch fördert. Rückzugsbereiche innerhalb der Berufsschule sind ebenfalls wichtig, da nicht jede und jeder im Lehrerzimmer zur Ruhe kommt. Schulleitungen müssen außerdem die Einzelkämpfermentalität aufbrechen. Interdisziplinäre Projekte, bei denen Lehrkräfte aus verschiedenen Ausbildungsgängen zusammenarbeiten, können die Kollegialität und das soziale Miteinander stärken.
„Die wichtigste Steuerungsfunktion einer Schulleitung ist wertschätzende Kommunikation.“
Wo können Berufschullehrkräfte selbst Einfluss auf einen resilienzfördernden Arbeitsalltag nehmen?
Witte: Die Gemeinschaft ist ein starker Resilienzfaktor. Wenn Lehrkräfte sich zusammentun, können sie die psychische Widerstandskraft gegen die Einflüsse aufbauen, die sie nicht selbst beeinflussen können. Es gibt auch unterstützende Programme wie JWSL („Jugend will sich-er-leben“) und MindMatters der DGUV, die sich mit Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und psychischer Gesundheit im Schulkontext befassen. Diese Programme bieten Materialien und Ansätze, um eine wertschätzende Schulkultur zu implementieren, in der man sich gut aufgehoben fühlt. Lehrkräfte können sich hier Anregungen holen und didaktisch aufbereitete, konzeptionierte Inhalte mit unterschiedlichen Schwerpunkten direkt im Unterricht einsetzen.
Hobrack-Zscheich: Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass es auch Grenzen der Einflussnahme gibt: Lehrkräfte können politische Rahmenbedingungen, gesellschaftliche Veränderungen und fehlendes Budget kaum beeinflussen. Auch veraltete Ausbildungsordnungen, die den Rahmenlehrplan bestimmen, sind außerhalb der direkten Kontrolle. Daher ist es entscheidend, wie man individuell und als Gemeinschaft auf diese externen Faktoren reagiert, um nicht „unter die Räder zu kommen“. Sich anderen anzuvertrauen und miteinander zu sprechen, wenn es einem nicht gut geht: Das kann ein wichtiger Schritt zur Stärkung der eigenen Resilienz sein.
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