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Mit Konfliktmanagement an Schulen Lehrkräfte stärken

Mit durchdachtem Konfliktmanagement an Schulen können Schulleitungen das Kollegium entlasten. Wie das am Gymnasium Engen gelingt.

Autorin: Judith Hyams (Redaktion Raufeld)

Bild: © Stocksy United/Ibai Acevedo

Datum: 04.02.2026

Mit Konfliktmanagement an Schulen Lehrkräfte stärken
  • Schulleitungen können nicht jeden Konflikt selbst lösen
  • Hilfreich ist ein für alle verbindlicher Handlungsleitfaden
  • Konflikte bergen auch Entwicklungschancen

Tränen bei der Klassenarbeit, Schweigen im Lehrerzimmer, erbitterte Diskussionen beim Elternabend: Lehrkräfte müssen sich zahlreichen Konflikten stellen. Das Gymnasium Engen in Baden-Württemberg setzt auf ein schuleigenes Konfliktmanagement. Schulgründer und -leiter Thomas Umbscheiden erinnert sich, dass er vor 20 Jahren noch versucht hatte, alle Streitigkeiten selbst auszubügeln. Das sei nicht nachhaltig gewesen. Heute wählt er einen anderen Ansatz: „Wir laden die Konfliktparteien ein, erst mal direkt miteinander zu sprechen. Das ist vielleicht nicht immer einfach, aber die Konflikte sollten da gelöst werden, wo sie passieren.“

Konflikte an Schulen stufenweise lösen

Konflikte an Schulen haben die unterschiedlichsten Ursachen. Aber alle haben eins gemeinsam: Ungelöst können sie zu erhöhter psychischer Belastung von Lehrkräften führen. Das kann psychosomatische Beschwerden oder psychische Erkrankungen begünstigen. Deswegen lohnt es sich, das Thema aktiv zu bearbeiten – wie das Gymnasium Engen mit seinem Konfliktmanagement. Dies folgt einem stufenweisen Konzept: „Wenn etwa ein Problem zwischen einem Schüler und einer Lehrerin nicht geklärt werden kann, geht es mit dem Klassenlehrer weiter“, sagt Umbscheiden. „Scheitert auch das, dann kommen die Eltern ins Boot, danach die Elternvertretung – und wenn gar nichts mehr geht, die Schulleitung.”

Leitfaden zum Konfliktmanagement an Schulen entwickeln

Dazu hat die Schule einen Leitfaden entwickelt, der auch dabei hilft, konstruktive Gespräche zu führen – etwa mit Tipps zur Körpersprache, Hörbereitschaft oder der Fokussierung auf gemeinsame Lösungen. Der Leitfaden kann auf verschiedene Weisen genutzt werden, sagt Umbscheiden: „Konflikte sind hochindividuell, da gibt es keine einheitliche Antwort.“

Porträt von Schulleiter Thomas Umbscheiden. Umscheiden hat kurze graue Haare und lächelt.

„Konflikte sollten da gelöst werden, wo sie passieren.“

Thomas Umbscheiden, Schulgründer und -leiter vom Gymnasium Engen © privat

Am Gymnasium Engen wird das Konfliktmanagement mittlerweile so gut angenommen, dass sich die Schulleitung selbst meist raushalten kann. Gleichzeitig ist es Umbscheiden wichtig, auf dem Laufenden zu bleiben und bei Bedarf für die Schülerschaft, Eltern und Lehrkräfte ansprechbar zu sein: „Das Konzept schafft eine Verlässlichkeit bei den Lehrkräften, weil sie Verantwortung übernehmen, aber gleichzeitig auch abgeben können, wenn sie mit dem Konflikt nicht weiterkommen.“

Zu einer frühzeitigen Klärung gehören auch Personalentwicklungsgespräche, die am Gymnasium Engen für das gesamte Kollegium verpflichtend sind, sagt Umbscheiden: „Unsere Verantwortung als Schulleitung ist es, schwelende Konflikte anzusprechen und Lösungsangebote zu machen. Wir wollen früh den Druck rausnehmen, damit es nicht eskaliert.

Konfliktarbeit als kreative Chance nutzen

„Kommunikation ist alles.“ So bringt es auch Dr. Jörg Eggerts auf den Punkt. Der Lehrer, Coach für Lehrkräfte und Organisationsberater aus Münster sieht in Konflikten nicht nur etwas Negatives, sondern auch Chancen, etwas zu ändern. Doch das gehe nur über das konstruktive Gespräch: „Wenn sich Streitparteien polarisieren, können sich Konflikte festfahren. Oder Menschen setzen völlig auf Konsens und tänzeln um die Konflikte herum. Aber dadurch verschwinden Konflikte nicht, sondern werden eher noch befeuert.“

Porträt von Coach Dr. Jörg Eggerts. Er trägt die dunkelbraunen Haare seitlich über die Stirn und hat eine Brille auf. Er trägt einen hellen Stoffschal.

„Wenn eine Schule Konflikte zukunftsweisend bearbeiten kann, dann findet echte Entwicklung statt.“

Dr. Jörg Eggerts, Lehrer, Coach für Lehrkräfte und Organisationsberater © privat

Schafft man es allerdings, bei Problemen miteinander zu sprechen, ist der Gewinn groß: „Wenn eine Schule Konflikte zukunftsweisend bearbeiten kann, dann findet echte Entwicklung statt“, sagt der Coach.

Auseinandersetzungen mit Schülerinnen und Schülern können zudem selbst ein Lerninhalt sein: „Auch wenn es für Lehrkräfte in solchen hochemotionalen Momenten nicht immer leicht ist, sollten sie Konflikte auch als Entwicklungschance für die Schülerinnen und Schüler sehen. Und gleichzeitig können sie ganz klar signalisieren, dass die Situation auch für sie als Lehrkräfte gefühlsmäßig herausfordernd ist.“

Methoden zum Konfliktmanagement für Lehrkräfte

Als Orientierung bei Konfliktgesprächen kann auch das Harvard-Konzept dienen. Diese Verhandlungsmethode setzt auf Win-Win-Situationen für beide Parteien. Menschen und Interessen werden getrennt betrachtet, die Sachebene bleibt klar von der persönlichen Ebene getrennt.

Verhandelt werden sollten nicht die Positionen, sondern die Bedürfnisse dahinter: Wie geht es dem Gegenüber, warum reagiert die Person verletzt? Wenn man sich schlussendlich um kreative Lösungen bemüht, sind die Chancen groß, dass beide Seiten zufrieden aus dem Gespräch herausgehen.

Hilfreich ist laut Coach Eggerts zudem das Konzept der Gewaltfreien Kommunikation
– auch wenn es in der Schule nicht immer einfach umzusetzen ist: „Lehrkräfte müssen häufig schnell reagieren. Dennoch ist es sinnvoll, sich mit dem Konzept zu beschäftigen.“ Denn das ist ein weiterer Schritt auf dem Weg zum Ziel: einem Schulalltag ohne Tränen oder erbitterten Streit.

Gewaltfreie Kommunikation an Schulen: 4 Schritte

  • Gewaltfreie Kommunikation (GfK) nach Marshall B. Rosenberg kann dabei unterstützen, auch in angespannten Situationen ruhig und lösungsorientiert zu bleiben und in einen konstruktiven Austausch zu gehen – unter anderem mit Ich-Botschaften. Das Konzept der Gewaltfreien Kommunikation ist auch im schulischen Kontext hilfreich und kann in Konfliktsituationen deeskalierend wirken. Die GfK gliedert sich in vier Schritte:
  • Beobachtung statt vorschnelle Bewertung:
    Im Affekt nehmen wir Aussagen schnell persönlich. Bewertungen und Urteile („Sie greifen mich ständig an!“) können Konflikte dann verschärfen. Stattdessen bringt es Distanz und Ruhe in die Situation, wenn Lehrkräfte zunächst neutral beschreiben, was passiert ist („Im letzten Gespräch haben Sie mehrfach betont, dass Sie mit meiner Vorgehensweise nicht einverstanden sind“). Eine möglichst sachliche Beschreibung erleichtert einen konstruktiven Einstieg.
  • Gefühle ehrlich benennen:
    Indem Lehrkräfte ihre Emotionen mitteilen („Das verunsichert mich“), öffnen sie anschließend den Raum für ein echtes Gespräch. Gefühle sind keine Vorwürfe, das macht einen großen Unterschied.
  • Bedürfnisse sichtbar machen:
    Hinter jedem Konflikt steckt ein Bedürfnis – etwa nach Sicherheit, Respekt oder Klarheit. Dieses sollten Lehrkräfte benennen („Ich möchte gerne verstehen, worum es Ihnen geht“) Diese Offenheit kann Spannungen entschärfen und hilft, den Blick auf die Hintergründe zu richten.
  • Bitten statt fordern:
    Forderungen blockieren oft, Bitten hingegen öffnen Gesprächswege. („Wären Sie bereit, mir zu sagen, was Sie sich konkret anders wünschen?“).Im besten Fall entsteht daraus ein gemeinsames Konzept für die weitere Zusammenarbeit bzw. den Umgang miteinander.

Mehr zum Thema: Marshall B. Rosenberg, Gewaltfreie Kommunikation – Eine Sprache des Lebens (2016), Verlag Junfermann

Zum Weiterlesen:

Gute Kommunikation ist entscheidend für ein positives Schulklima und Konfliktlösung.Lesen Sie hier, wie die Achtenbeckschule in Herten in Nordrhein-Westfalen Raum und Zeit einen respektvollen Austausch schafft.

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