„Bei der Digitalisierung an Schulen ist es wichtig, Vorbild zu sein“
Damit Digitalisierung an Schulen gelingt, braucht es durchdachte Prozesse und externe Hilfe, sagt Schulentwicklungsexpertin Dr. Manuela Endberg. Das senke auch die gesundheitlichen Risiken für Lehrkräfte und Schülerschaft.
Autor/in: Isabel Ehrlich (Raufeld Medien)
Datum: 27.04.2026
- Die Digitalisierung ist ein zentrales Entwicklungsprojekt, dem sich Schulen nicht verschließen sollten
- Mangelt es an einem Gesamtkonzept oder der technischen Infrastruktur, sorgt das bei den Lehrkräften für Stress – das gilt es, zu vermeiden
- Wichtige Faktoren für eine gelingende Digitalisierung sind klare Prozesse und Strukturen, partizipierende Lehrkräfte und eine Schulleitung, die interne und externe Unterstützung sinnvoll koordiniert
Frau Dr. Endberg, warum gehören Schulentwicklung und Digitalisierung untrennbar zusammen?
Schulentwicklung ist ein konstanter Prozess, der auf Veränderungen in der schulischen Umwelt reagieren muss. Dazu gehört auch die Digitalisierung. Die Kultusministerkonferenz hat ja bereits 2016 den Bildungssauftrag in Hinblick auf die Förderung digitaler Kompetenzen erweitert. Allein aus dem Anspruch heraus, Kinder und Jugendliche auf ihren eigenen souveränen Beitrag in der Gesellschaft vorzubereiten, können sich Schulen dem Thema nicht verschließen und sind gut beraten, sich aktiv und selbstbestimmt dem Thema zu nähern.
Die Digitalisierung hat teilweise kein gutes Image, man liest und hört, dass es in den Behörden, aber auch vielen Schulen nur schleppend vorangeht. Wo liegen hier die Herausforderungen?
Das Problem hat viele Facetten. Häufig wird das Thema Digitalisierung an Schulen in der medialen Berichterstattung sehr verkürzt auf eine reine technische Ebene gebracht. Also auf mangelhafte technische Infrastruktur oder nicht funktionstüchtige digitale Endgeräte. Und das ist auch weiterhin ein großes bestehendes Problem, greift aber zu kurz. Häufig fehlen schlicht ein Gesamtkonzept und ein größeres Verständnis für die Möglichkeiten, wie digitale Technologien in der Schule sinnvoll eingesetzt werden können.
Zudem mangelt es oft an den Kompetenzen im Umgang mit digitalen Medien, sei es in der Anwendungskompetenz, aber vor allen Dingen auch auf der didaktischen Ebene. Das ist auch ein Problem in der Ausbildung, weil das noch nicht flächendeckend verpflichtender Inhalt ist.
Bei der Digitalisierung Risiken für Lehrkräfte und Schülerschaft vermeiden
Welche Risiken für Lehrkräfte gehen damit einher?
Der Lehrkräfteberuf ist komplex – und dann kommt mit der Digitalisierung noch ein hochkomplexes Feld dazu. Das wird oft als Add-on verstanden, und viele würden die Zeit lieber anderweitig investieren. Wir haben einen Lehrkräftemangel, und dann wird gefragt: Wer soll das umsetzen? Zudem können sich einige Lehrkräfte nicht darauf verlassen, dass die Technik vor Ort auch funktioniert. Daraus ergeben sich Doppelstrukturen bei der Unterrichtsplanung, teils digital, teils analog. Das ist ein Zeit- und Stressfaktor. Auch fehlender, offener Austausch über eigene Unzulänglichkeiten kann belasten und ausbremsen.
Und welche Gefährdungen sehen Sie bei den Schülerinnen und Schülern, die mit der Digitalisierung einhergehen können?
Der falsche Umgang mit digitalen Medien birgt zahlreiche Risiken. Cybermobbing oder Cybergrooming sind gerade sehr häufig ein Thema. Überhaupt ist ja die Frage bei der Social-Media-Nutzung von Kindern und Jugendlichen: Wie viel ist zu viel, ab wann ist es überhaupt sinnvoll, wie umgehen mit kinder- und jugendschutzgefährdenden Inhalten, wie steht es um die Privatsphäre und die Datenkompetenz? Viele Schulen setzen auf Verbote.
Aber das ist meiner Ansicht nach genau der falsche Weg. Denn wie gesagt müssen sich Schulen dem Thema stellen und sind somit in der Verantwortung, den kompetenten Umgang mit digitalen Medien zu vermitteln. Wo sollte das besser stattfinden können als an einem sicheren Ort wie der Schule? Natürlich verlassen die Schülerinnen und Schüler diesen Ort dann auch wieder und nutzen die Smartphones und Apps privat. Aber die Risiken sind höher, wenn sie damit allein gelassen werden und keine alternativen Umgangsformen kennengelernt haben.
Schule braucht Strukturen, um ein sicherer Lern- und Arbeitsort zu sein
Um zurück zur gesamten Schulgemeinschaft zu kommen: Welche Vorteile hat eine gut umgesetzte Digitalisierung für die ganze Schulgemeinschaft?
Mir ist es immer wichtig zu betonen: Wenn wir über Schule reden, reden wir häufig über den Lernort für die Schülerinnen und Schüler. Es ist aber eben auch der Arbeitsort für die Lehrpersonen und für die Schulleitungen. Man hat ja ein genuines Interesse daran, einen guten, sicheren Wohlfühlort zu haben, an dem man gerne arbeitet. Und wenn dort die entsprechenden Strukturen und Prozesse vorhanden sind und gut laufen und man vielleicht auch diese mitgestalten kann, also selbst partizipieren kann, Verantwortung für bestimmte Dinge übernimmt, die man sich zutraut und in die man auch hineinwächst, dann steigt auch die Motivation, sowie die eigene Arbeitsleistung und wiederum dann die Qualität der Kernaufgabe, die man als Lehrperson hat, nämlich den Unterricht.
Was braucht es für gelingende Digitalisierungsprozesse?
Es ist wichtig, Digitalisierung im ganzheitlichen Schulentwicklungsprozess zu verorten. Dazu gehören Organisations-, Personal-, Unterrichts-, Technologie- und Kooperationsentwicklung. Hilfreich sind dafür eine positive Fehlerkultur und Lernbereitschaft. Außerdem sollte geprüft werden, welche Potenziale schon vorhanden sind und was fehlt, um die eigenen Ziele zu erreichen. Dann ist man schnell auf der strukturellen Ebene.
Für die äußeren Schulangelegenheiten, etwa technische Anschaffungen, sind die Schulträger zuständig. Bei pädagogisch-didaktischen Fragen spielt der Bildungsföderalismus mit rein. Diese Ebenen müssen bei der Digitalisierung zusammenarbeiten. Sie zu verzahnen, Kommunikationsstrukturen zu schaffen und die Fäden zusammenzuhalten, ist auch Aufgabe der Schulleitung. Es gibt ein großes Unterstützungssystem, etwa Beratungszentren und Fortbildungsakademien, die mit ins Boot geholt werden können oder auch müssen.
Bei der Digitalisierung an Schulen interne und externe Hilfe nutzen
Es braucht also immer Hilfe von außen, und die steht auch umfangreich zur Verfügung?
Generell haben Schulen natürlich eine gewisse Form der Autonomie und der Eigenverantwortung. Wie viel, das ist in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich geregelt. Auf der anderen Seite sind Schulen auch bei der Digitalisierung eben nicht im luftleeren Raum unterwegs. Sie sind eingebunden in ein größeres System auf struktureller Ebene mit den geteilten Verantwortlichkeiten, die ich bereits ansprach. Aber sie sind auch eingebunden in ihren Sozialraum, also in den Stadtteil, in der Verbindung mit anderen Schulen, mit den Erziehungsberechtigten und Eltern. Dazu kommen Lokalpolitik, Vereine, Religionsgemeinschaften, Unternehmen etc. als mögliche externe Kooperationspartner. Gerade wenn es darum geht, schulische Entwicklungsprojekte in der Digitalisierung voranzutreiben, braucht es externe Unterstützung.
Bei der Umsetzung muss es in beide Richtungen funktionieren. Die Schulen sind darauf angewiesen und teilweise auch verpflichtet, sich externe Unterstützung einzuholen. Auf der anderen Seite muss es diese staatlichen Unterstützungsleistungen, etwa Fortbildungen, Beratungen, technischen Support, aber auch geben – und die gibt es, wenn auch in den Bundesländern unterschiedlich ausgestaltet.
Schulleitungen müssen Vorbilder sein
Hängt der Erfolg digitaler Projekte nicht zuletzt auch von der inneren Haltung einer Schule und ihrer Schulleitung ab?
Definitiv. Gerade bei der Digitalisierung an Schulen ist es ganz wichtig, Vorbild zu sein. Angefangen bei den eigenen Aufgabenfeldern, indem Führungskräfte digitale Prozesse und Medien nutzen und das auch transparent machen. Sie müssen Dinge anstoßen und sagen, da wollen wir hin – sei es die Aktualisierung der Homepage, sei es die interne Kommunikationskultur auf einer Lernplattform oder das Ziel, papierlose Schule zu sein. Das muss natürlich funktionieren, braucht Verlässlichkeit und ist entsprechend als Teil des Schulprogramms zu verankern, aber dann hat man am Ende auch etwas, das man nach außen hin stolz präsentieren kann.
Gelingende Projekte und Prozesse fördern wiederum die Gesundheitsaspekte, Stress wird abgebaut, man ist motivierter, das Team arbeitet besser zusammen. Generell kann man sagen: Wenn Digitalisierung nicht als Selbstzweck, sondern eingebettet in schulische (Unterstützungs-)Strukturen, Entwicklungsprozesse und im Sinn des Bildungs- und Erziehungsauftrags verstanden und gelebt wird, kann sie dazu beitragen, dass sich alle Beteiligten im Lern-, Arbeits- und Lebensort Schule wohler und sicherer fühlen.
Lesen Sie im pluspunkt, wie der Prozess der Schulentwicklung gelingt und Lehrkräfte dabei eingebunden werden.