Schülerinnen und Schüler mit Fluchthintergrund integrieren
„Vielfalt ist für uns ein Gewinn“ lautet das Motto der Friedensburg-Oberschule in Berlin. Auch Schülerinnen und Schüler mit Fluchterfahrung werden hier unterrichtet. Damit sie gut ankommen, gibt es ein durchdachtes Konzept.
Autor/in: Judith Hyams (Raufeld Medien)
Datum: 01.06.2026
- Willkommensklassen müssen Wertschätzung erfahren und dürfen an Schulen nicht als Belastung angesehen werden
- Geflüchtete Schülerinnen und Schüler brauchen praktische und auch mentale Unterstützung
- Durchmischung und festliche Momente zwischen Schülerinnen und Schülern mit und ohne Fluchthintergrund stärken die Gemeinschaft
Bei der Beschulung von geflüchteten Kindern und Jugendlichen lautet die Kernfrage häufig: Willkommensklasse oder Regelklasse? An der Friedensburg-Oberschule in Berlin-Charlottenburg hat man sich für eine Kombination entschieden. „Wir mischen das“, erklärt Schulleiter Sven Zimmerschied. „Zunächst kommen die Jugendlichen in eine Willkommensklasse, wo sie sich auf Deutsch konzentrieren. Aber wir versuchen, sie dann möglichst früh in die normalen Klassen teilzuintegrieren.“ Das Ziel: Sie sollen schnell andere Schülerinnen und Schüler kennenlernen und im Schulalltag ankommen.
Zahlen und Fakten zu Schülerinnen und Schülern mit Fluchthintergrund
Das ist eine wichtige Stellschraube für gelebte Vielfalt in den Klassen der Friedensburg-Oberschule. An der bilingualen Schule werden rund 1.300 Schülerinnen und Schüler aus über 80 Nationen unterrichtet. Ein Blick auf ganz Deutschland: Die derzeit größte Gruppe unter den geflüchteten Schülerinnen und Schülern stammt aus der Ukraine. Ende 2025 waren es laut Kultusministerkonferenz 223.975. Natürlich kommen immer wieder Kinder und Jugendliche aus anderen Krisengebieten der Welt hinzu. Eine bundesweite, amtliche Zahl für alle geflüchteten Schülerinnen und Schüler gibt es aber nicht.
Zentral in Willkommensklassen sind Unterstützung und Geduld
Für eine funktionierende Willkommensklasse braucht es die ganze Schulgemeinschaft, sagt Viola Ristow, Leiterin des Schulpsychologischen und Inklusionspädagogischen Beratungs- und Unterstützungszentrum (SIBUZ) Berlin-Reinickendorf: „Es ist wichtig, dass Willkommensklassen und die dort tätigen Lehrkräfte gut in die Schule integriert sind und Wertschätzung erfahren.“ Werden die Klassen als zusätzliche Belastung wahrgenommen, wirke sich dies negativ auf das pädagogische Personal und die Schülerinnen und Schüler aus.
„Wichtig ist, von Beginn an unterstützende Hilfen bereitzustellen und den Kindern deutlich zu vermitteln, dass sie Zeit haben dürfen, anzukommen.“
Kommen die Kinder und Jugendlichen neu an eine Schule, warten viele Herausforderungen: „Dazu zählen Sprachbarrieren, kulturelle Missverständnisse sowie mögliche gesundheitliche Beeinträchtigungen, die sich auf den Lernerfolg auswirken können“, sagt Ristow. „Häufig gibt es Gefühle von Unsicherheit und Minderwertigkeit, da sie vieles noch nicht können. Sprache ist zentrales Ausdrucksmittel für Lernen und soziale Interaktion.“
Deshalb sind Geduld und Unterstützung essenziell, sagt Viola Ristow: „Wichtig ist, von Beginn an unterstützende Hilfen bereitzustellen und den Kindern deutlich zu vermitteln, dass sie Zeit haben dürfen, anzukommen.“ Ebenso sollte laut Ristow Raum gegeben werden, sich je nach individuellem Bedürfnis mit der eigenen Fluchtgeschichte auseinanderzusetzen.
Helfende Hände sind gefragt – auch bei Sprachbarrieren
Das Netz an helfenden Händen sollte möglichst weit gespannt sein, gerade wenn es um die Kommunikation geht. Häufig brächten die Familien Verwandte oder Bekannte zum Übersetzen in die Schule, was Verwirrungen und Rollenkonfusion auslösen kann. „Überall dort, wo es ehrenamtliche Dolmetscherinnen und Dolmetscher gibt, sollten Schulen auf diese zurückgreifen und die Willkommenslehrkräfte aktiv unterstützen“, sagt Ristow. „Das ist besonders bei psychologischen Themen hilfreich, denn viele Eltern kennen das Konzept der psychologischen Beratung nicht.“
Schulleiter Sven Zimmerschied sieht an seiner Schule derzeit weniger Fälle schwer traumatisierter Jugendlicher als etwa vor zehn Jahren. Die Herausforderungen, die Schülerinnen und Schüler mit Erfahrungen von Krieg, Flucht und Exil haben, sind aber nach wie vor aktuell. Deshalb sind Integration, Durchmischung, die Arbeit in Projekten und festliche Momente in der Schulgemeinschaft für ihn so wichtig.

Sven Zimmerschied erinnert sich an ein Beispiel: Im Rahmen eines Schulprojektes wurde ein Pizzaofen aus Lehm auf dem Schulhof gebaut. „Als wir den in Betrieb nehmen wollten, waren wir erst mal ratlos.“ Aber dann erklärten zwei Schüler aus Afghanistan, wie der Ofen funktioniert. „Sie waren unheimlich stolz, dass sie diejenigen waren, die uns mal etwas zeigen konnten. Das war ein wirklich schöner Moment.“
Zum Weiterlesen
Informationen für Schulen und Kitas auf der Webseite der DGUV
Integrationsimpulse des Zentrums für Schulqualität und Lehrerbildung (ZSL) Baden-Württemberg
Ratgeber „Trauma – was tun“ der Unfallkasse Berlin