„Je älter die Kinder, desto diffuser die Symptome eines Traumas“
Schülerinnen und Schüler mit Fluchthintergrund brauchen Unterstützung, um gut anzukommen. Doch wie können Lehrkräfte mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen umgehen – und wie erkennt man ein Trauma durch Flucht oder Kriegserfahrungen überhaupt? Schulpsychologin Jessica Ziebula erläutert typische Symptome und Verantwortlichkeiten.
Autor/in: Judith Hyams (Raufeld Medien)
Datum: 11.05.2026
Frau Ziebula, wie wahrscheinlich sind Traumata bei Kindern und Jugendlichen mit Fluchterfahrung?
Natürlich bringen viele geflüchtete Kinder und Jugendliche Traumata mit – aber längst nicht alle. Das hängt von vielen Faktoren ab, etwa, wie viel Halt sie bisher im Leben hatten oder wie massiv die belastenden Situationen waren. Eine posttraumatische Belastungsstörung ist eine psychische Erkrankung mit verschiedenen Symptomen, die oft erst nach einiger Zeit sichtbar werden.
Wenn Kinder nach der Flucht aufgewühlt wirken, muss das also keine Traumatisierung sein?
Nicht immer. Das Verlassen der Heimat, das Ankommen in einem fremden Land, das Wohnen im Heim – all dies sind Umstände, die bei Kindern und Jugendlichen viel Unruhe erzeugen. Sie sind angespannt, schlafen schlecht und oft geht es ihnen nicht gut, das ist aber häufig auch der neuen Situation zuzuschreiben. Das klar einzuordnen, ist nicht immer einfach.
Symptome eines Traumas sind vielfältig
Woran können Lehrkräfte erkennen, ob ein Schüler oder eine Schülerin ein Trauma durch Flucht und Kriegserfahrungen davongetragen hat?
Das ist tatsächlich schwer zu erkennen. Bei kleinen Kindern ist es einfacher: sie spielen häufig ihre Erlebnisse von Krieg und Tod nach. Doch je älter die Kinder sind, desto diffuser werden die Symptome. Dennoch können erfahrene Lehrkräfte ein mögliches Trauma daran erkennen, dass der Leidensdruck so hoch ist, dass die Kinder nicht mehr lernen können. Auch aggressives Verhalten oder starke Schwierigkeiten, neue Verhaltensmuster zu übernehmen und sich in der Gruppe zurechtzufinden, können ebenfalls auf Traumata hindeuten. Hier sind Lehrkräfte dann gut beraten, psychologische Hilfe einzuschalten.
Ob hier die Schulsozialarbeit kontaktiert wird, Erziehungs- und Familienberatungsstellen, der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst oder die Schulpsychologischen Beratungsstellen in den verschiedenen Bundesländern – wichtig ist, dass Lehrkräfte wissen, wo sie verlässliche Anlaufstellen sowie Mitstreiter- und Mistreiterinnen finden. Hilfreich sind weiterhin kollegialer Austausch, Fallberatungen, Supervision und Fortbildungen. Ebenso wichtig ist es, dass Lehrkräfte ihre eigenen Grenzen erkennen, benennen und sich aktiv Unterstützung holen, wenn sie sich überfordert fühlen.
So können Lehrkräfte Kinder mit Fluchterfahrung unterstützen
Wie können Lehrkräfte im Unterricht mit akuten Reaktionen umgehen, die auf ein Trauma hindeuten – etwa, wenn ein Kind mit Fluchterfahrung heftig auf einen Feueralarm oder erschreckende Geräusche reagiert?
Entscheidend ist es, in diesen Situationen Ruhe zu vermitteln. Man kann dem Kind gegebenenfalls Körperkontakt anbieten und ihm erklären, wo es grade ist, dass es in Sicherheit ist. Wenn man die Quelle des auslösenden Reizes weiß, kann man auch das erklären – dem Kind einen emphatischen Schutzraum zu geben, ist hier sehr hilfreich.
Lehrkräfte sind keine psychologischen Fachkräfte. Was können sie dennoch für ein gesundes Miteinander mit Schülerinnen und Schülern mit Fluchterfahrung tun?
Es empfiehlt sich, dass Kinder lernen, ihre Emotionen zu benennen – sei es sprachlich oder durch Visualisierungen. Dazu kann man mit den Schülerinnen und Schülern etwa Gefühle aufmalen oder mit fertigen Gefühlskarten arbeiten. Ihre Gefühle klar zu benennen und ins Gespräch darüber zu kommen, hilft individuell und in der Kommunikation mit anderen. Ein weiterer Punkt ist, das erhöhte Suchtrisiko geflüchteter Jugendlicher im Auge zu behalten, und sich bei Unsicherheiten direkt an die Präventionskräfte der Schule zu wenden.
Zum Weiterlesen:
Weitere Impulse für Lehrkräfte bietet der Ratgeber “Trauma – was tun” der Unfallkasse Berlin.