Das Thema Fake News im Unterricht: Wie Jugendliche lernen, richtig zu recherchieren
Am Humboldt-Gymnasium in Vaterstetten lernen Jugendliche, mit Fake News umzugehen.
Autor/in: Julia Frese
Datum: 25.09.2026
Falschnachrichten begegnen uns in immer mehr gesellschaftlichen Themenbereichen – insbesondere auch in Bezug auf wissenschaftliche Erkenntnisse. Vor allem junge Menschen, die häufiger soziale Medien als Informationsquelle nutzen, sehen sich permanent versuchten Manipulationen ausgesetzt. 67 Prozent der 12- bis 19-Jährigen sind bereits mit Desinformationen im Internet in Berührung gekommen – so das Ergebnis der JIM-Studie (Jugend, Information, Media) von 2025. In der jüngsten PISA-Studie von 2022 stellte sich zudem heraus: Nur knapp die Hälfte der Befragten fühlte sich in der Lage, die Qualität von Informationen aus dem Internet zu beurteilen.
Lernen, wie sich Daten überprüfen lassen
Am Humboldt-Gymnasium in Vaterstetten haben fünf Lehrkräfte sich deshalb zum Ziel gesetzt, im Unterricht einen richtigen Umgang mit Fake News zu vermitteln. Das Ergebnis war so erfolgreich, dass sie dafür den 2. Preis im Bereich „Unterricht innovativ“ beim Deutschen Lehrkräftepreis 2023 erhielten. Das Projekt sollte dazu beitragen, negativen Auswirkungen unreflektierter Rezeption von Fake News vorzubeugen, die auch Schülerinnen und Schüler betreffen können: etwa durch sinkendes Vertrauen in demokratische Institutionen, Politikerinnen und Politiker und das Übernehmen ideologisch motivierter Positionen.
Die Idee für die Umsetzung des Deeper-Learning-Konzepts an der Schule hatte der Mathe- und Physiklehrer Sebastian Bauer. Er lernte das Konzept vor einigen Jahren auf einer Fortbildung der Deutschen Telekom Stiftung kennen. Schnell fand sich eine Gruppe von fünf Lehrkräften, die das Vorhaben für den Unterricht einer zehnten Klasse umsetzen wollte – darunter auch der Biologielehrer Danilo Fries. In seinem Unterricht nahmen sich die Schülerinnen und Schüler verschiedene selbst gewählte Schwerpunktthemen vor und trugen in Kleingruppen Informationen zusammen – Ziel war, dass am Ende des Schuljahres ein Lernprodukt herauskommt, dass sie der Klasse präsentieren. „Unter den Themen, die sie auswählten, waren beispielsweise Impfmythen, der Klimawandel oder Behauptungen über Milchersatzprodukte“, erklärt Fries.
In Vorbereitung auf ihre Tiefenrecherche lernten die Jugendlichen viel über wissenschaftliches Arbeiten: wie Daten gemessen, beobachtet und überprüft werden. Sie erforschten, wie sich Hypothesen, Erklärungen oder Vorhersagen methodisch korrekt aus Daten ableiten lassen und wie ein Peer-Review-Verfahren abläuft. Auch mit Kommunikationstechniken von Wissenschaftsleugnenden setzten sich die Schülerinnen und Schüler intensiv auseinander. Sie gingen der Frage nach, wie Fake News mithilfe falscher Fachleute, logischer Fehlschlüsse oder des sogenannten „Rosinenpickens“ konstruiert werden. Bei dieser Art der Wissenschaftsleugnung sucht sich die leugnende Person gezielt einzelne Aspekte, Argumente oder Daten aus der Menge, die ihre eigene Sichtweise zu bestätigen scheinen.
Fake News von Impfmythen bis Klimawandel
Danilo Fries lud zudem einen befreundeten Journalisten des Bayerischen Rundfunks ein, der den Schülerinnen und Schülern erklärte, wie er verlässliche Quellen identifiziert und welche professionellen Recherchemethoden er in seinem Arbeitsalltag nutzt. Die beteiligten Lehrkräfte des Projekts tauschten sich einmal wöchentlich über die Fortschritte aus, die sie in ihrem jeweiligen Unterricht erzielt hatten. „Natürlich war das Projekt für uns Lehrkräfte ein deutlicher Zusatzaufwand“, sagt Fries. „Aber es hat sich wirklich sehr gelohnt.“ Die Ergebnisse aus den Gruppen überzeugten ihn genauso wie die vielen positiven Rückmeldungen der Schülerinnen und Schüler selbst.
Wie wichtig solche Projekte sind, zeigen auch wissenschaftliche Studien zur Anfälligkeit Jugendlicher für Falschnachrichten. Johannes Gemkow, Kommunikationswissenschaftler der Universität Leipzig, betont, dass es „die Jugendlichen“ als homogene Gruppe nicht gibt –sozioökonomische Voraussetzungen hätten einen Einfluss darauf, wie anfällig Kinder und Jugendliche für Falschnachrichten seien.
Jugendliche vertrauen eher Informationen aus der eigenen Peer Group.
Gemkow sieht die Schule als idealen Ort, um Jugendliche ganz unabhängig vom sozialen Hintergrund in der Einordnung von Nachrichten zu unterrichten. „In Österreich gibt es ein eigenes Schulfach zu Medienkompetenz, das finde ich sehr sinnvoll“, sagt er. Viele Schülerinnen und Schüler seien zwar heutzutage bereits sehr kompetent im Umgang mit Medien, dennoch komme häufig der sogenannte „Third Person Effect“ zum Tragen: Die Jugendlichen wissen, dass es das Problem der Manipulation durch Falschnachrichten gibt, sehen sich persönlich aber nicht davon betroffen.
Gerade die sozialen Medien seien für die Altersgruppe der 12- bis 19-Jährigen oft ein wichtiges Kommunikationsmittel: „Aus entwicklungspsychologischer Perspektive ist das ein Alter, in dem man sich vom Elternhaus abgrenzen möchte und dann eben vor allem Informationen traut, die von vermeintlich ‚normalen‘ Personen aus der eigenen Peer Group stammen – nicht aus den Medien, die vielleicht die Eltern und Lehrer konsumieren.“ Genau davon profitierten dann Personen, die über soziale Medien wie Tiktok oder Youtube Unwahrheiten verbreiteten.
Faktencheck-Tools können bei der Einordnung helfen
Gemkow rät Lehrkräften dazu, Jugendlichen vor allem die Nutzung von Faktencheck-Tools beizubringen. Bislang kennen solche Werkzeuge laut der Studie „Jugendliche im Fake News Dilemma“ von 2023 nur 22 Prozent der Befragten. Rund die Hälfte der 11- bis 17-Jährigen ist oft unsicher, ob Informationen im Internet wahr sind, empfindet die Überprüfung aber als „mühsam“.
Danilo Fries ist sich sicher, dass die Teilnehmenden des einjährigen Deeper-Learning-Projekts heute mit offeneren Augen durchs Internet surfen: „Viele haben uns rückgemeldet, dass sie sich im Umgang mit Nachrichten jetzt viel sicherer fühlen.“ Dazu beigetragen habe auch, dass die klassische Rollenverteilung zwischen Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern aufgehoben war und die Jugendlichen sehr frei an ihren gewählten Themen arbeiten durften. So fördert das Projekt genau das, was es braucht, um wahre von falschen Behauptungen unterscheiden zu können: Eigenständigkeit und kritisches Denken.
Zum Weiterlesen
Das Unterrichtskonzept Deeper Learning stammt ursprünglich aus den USA. Es basiert auf der Annahme, dass Jugendliche durch die zunehmende Digitalisierung andere Fähigkeiten erlernen müssen als früher – sogenannte „21st Century Skills“: Kollaboration, Kommunikation, kritisches Denken und Kreativität. Die Schülerinnen und Schüler erlernen Schlüsselkonzepte, die sie in Teamarbeit kreativ auf aktuelle Themen anwenden. Am Ende präsentieren sie das Gelernte.
Mehr Infos zum Unterrichtsmodell gibt es hier.